Die Idee

Gemeinsam mit der Bundeszentrale für politische Bildung und Multiplikator_innen des Netzwerks für Demokratie und Courage (NDC) wurde 2013 das Modellprojekt “reclaim-your-web“ – Widerrede gegen menschenverachtende Äußerungen gestartet. Die Hauptaktivitäten des Projektansatzes liegen auf aufeinander aufbauenden Projekttagen für Jugendliche mit dem Ziel, sie für demokratische und humanistische Werte zu sensibilisieren, motivieren und zu befähigen, sich in der virtuellen und realen Welt gegen menschenverachtende Äußerungen einzusetzen, indem sie gekonnt mit Widerreden Stellung beziehen. Erdacht und umgesetzt werden alle Aktivitäten durch ausgebildete, freiwillig engagierte Multiplikator_innen. Sie konzipierten inhaltlich und methodisch die Projekttage, planten die dazugehörigen online tools auf der Lernplattform und erstellten die Transfer- und Ausbildungskonzepte, damit weitere Freiwillige das Konzept umsetzen können.
 
Die Basis des Projektansatzes setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:
 
  • den ausgebildeten und fachlich betreuten freiwillig engagierten Multiplikator_innen,
  • den aufeinander aufbauenden Projekttagen und
  • der Lernplattform für die online-Methoden.

 

Multiplikator_innen

Das NDC bildet seit 1999 freiwillig engagierte Jugendliche und junge Erwachsene zu Multiplikator_innen der politischen Bildungsarbeit aus nach einheitlich im NDC verabredeten Qualitätskriterien. Alle Konzepte werden durch die Multiplikator_innen konzipiert, evaluiert und weiterentwickelt. Um einen bundesweiten Transfer zu gewährleisten, umfasst die Entwicklung auch das Anlegen von Schulungskonzepten für den Transfer. Interessierte und schon im NDC engagierte Multipliktor_innen fanden sich zur Konzeptionierung und im Jahr darauf zum update der Konzepte jeweils sechs Tage in ihrer Freizeit zusammen. Neben den Sichtung schon vorhandener Inhalte und Methoden gab es thematische Inputs zur Online-Mediennutzung der Zielgruppe Jugendlicher im Abgleich mit der eigenen Affinität und Nutzung von Internetangeboten. So kam es auch zu persönlichen Irrititationsmomenten innerhalb des Multiplikator_innen-Teams was die verschiedenen Wissensstände und Nutzungsverhalten anbelangt. Dies wurde auch konzeptionell für die Projekttage berücksichtigt, denn für alle galt, die differenzierten Erfahrungen bei Jugendlichen zu achten und einzubinden. In ihrer Rolle als aktive und moderierende Multiplikator_innen in den Projekttagen leben sie den Jugendlichen zum einen aktive gesellschaftliche Teilhabe vor und zum anderen zeigen sie auf, dass Vieles von dem, was in den Projekttagen angesprochen und ausprobiert wird, von jeder und jedem erlernt werden kann.
 
 
Projekttage
 
Die zwei konzipierten Projekttage umfassen jeweils 6 Stunden. Im Projekttag 1.0 werden Grundlagen mit Bezug auf die eigene Lebenswelt der Teilnehmenden gelegt. Wir verdeutlichen, dass Menschen oder Gruppen durch geteilte Vorstellungen oft Eigenschaften und Verhaltensweisen zugeschrieben werden. Aus diesen Unterstellungen können häufig Ab- und Ausgrenzung resultieren. Nach einer Reflexion der eigenen Diskriminierungserfahrungen, offline oder online, werden die möglichen Folgen für Betroffene in den Blick genommen. Anhand von Negativbeispielen aus dem Internet verfassen die Jugendlichen einzeln und in unterschiedlichen Gruppenzusammensetzungen Schritt für Schritt eine Widerrede in Form eines Kommentars. Durch den Wechsel von offline- und online-Methoden wird ein bewusster Prozess gestaltet, indem die Jugendlichen aktiv werden und sich gegenseitig Feedback und dadurch ihre verschiedenen Arbeits- und Wissensstände untereinander austauschen. Die Ergebnisse und ganz persönlichen Erkenntnisse halten sie selbst in Form eines Blog-Tagebuchs fest. Dieses kann, insofern das gewollt ist, am Ende der Projekttags samt persönlicher Kommentare im reclaim-your-web Blog online schaltet werden. Wünsche und die gemachten Erfahrungen werden im folgend Projekttag 2.0 aufgegriffen. Als inhaltlich weiterführende Themen stehen vier Module zur Auswahl. Es kann die Widerrede gegen abwertende Äußerungen oder vielfältige Möglichkeiten für eine Solidarität mit Betroffenen ausprobiert werden. Alternativ ergibt sich ein weiterer Austausch zum Umgang mit Cybermobbing und dem eigenen Schutz im Internet. Die Projekttage beinhalten eine zielorientierte und gleichzeitig auf den Prozess ausgerichtete Arbeitsweise. Alle Projekttage werden intensiv durch die Multipliktaor_innen vor- und nachbereitet.
 
 
Lernplattform
 
Die Multiplikator_innen haben die Tools für die Lernplattform selbst konzipiert. In Vorbereitung auf die Projekttage legen sie selbst alles in der Lernplattform an und bestücken diese mit passenden Beispielen. Die Plattform ist verbunden mit einem Blog, der die Ergebnisse, so gewollt von den Jugendlichen, für sich selbst und anderen zugänglich macht. Die Lernplattform bietet einen geschützten Raum, um sich auszuprobieren und die Ergebnisse für alle dezentral festzuhalten. Die Onlineplattform bietet praktisches Ausprobieren und kollaboratives Zusammenarbeiten an Laptops. Die bisher genutzten Offlinemethoden wurden von den Multiplikator_innen auf den Prüfstand gestellt und mit dem Blick auf Ziel und Inhalt abgewandelt und neu digital konzipiert. Dabei wurden keine vorhandenen Onlinemethoden als Grenzsetzung genommen, sondern jegliche Ideen selbst digital neu erschaffen, um möglichst frei in der Ansprache sein zu können.
 
 
Erkenntnisse

 

Die Jugendlichen sind in sehr hohem Maße digital natives und wollen es auch in der Schule sein. Sie bringen gerne ihr Wissen ein, wenn sie selbst beteiligt werden ohne gleich auf nicht ausgehandelte Verbote zu stoßen. Ein Großteil der Jugendlichen hat reale Erfahrung mit Mobbing, sei es online oder offline. Sie haben Erfahrung als Täter_in, Helfende oder Mitwirkende. In den Projekttagen zeigen die Jugendlichen in einer wertschätzenden und lebensweltnahen Arbeitsatmosphäre sehr viel Offenheit im Austausch und in der Reflexion. Die Jugendlichen wollen sich selbst schützen und so sie wissen wie, sind sie bereit, sich auch für anderen einzusetzen.